Die Steigerung der Energieeffizienz ist ein Schlüsselfaktor zur klimaneutralen Produktion
Wie meistern Unternehmen die Transformation ihrer Prozesswärme? Diese und weitere Fragen klären wir in unseren Interviews mit Unternehmern, die Vorreitern der Prozesswärmedekarbonisierung in Deutschland sind.
Prozesswärme ist das Rückgrat der deutschen Industrieproduktion. Sie macht rund zwei Drittel des industriellen Endenergiebedarfs aus. Wer seine Prozesswärme dekarbonisiert, macht sich nicht nur unabhängig von fossilen Importen und senkt Emissionen, sondern kann auch langfristig Kosten sparen und stärkt damit seine Wettbewerbsfähigkeit. Studien zeigen: Eine hocheffiziente Prozesswärmetransformation kann in Deutschland knapp die Hälfte der für die Prozesswärmebereitstellung benötigten Endenergie ohne Produktionseinschränkungen einsparen. Das würde der deutschen Wirtschaft rund 21 Milliarden Euro Energiekosten pro Jahr sparen (HSN Niederrhein, 2024).

Dieses Interview präsentiert Prozesswärme-Frontrunner Andreas Doerfer, den Global Energy Excellence Manager beim Chemieunternehmen Covestro.
Frontrunner-Interview mit A. Doerfer, Covestro
Clemens Buhr, DENEFF: Wie der Weg hin zu einer energieeffizienten, sauberen und standortsicheren Prozesswärmeversorgung im Unternehmen konkret aussehen kann, schauen wir uns heute an. Ich freue mich, mit Andreas Doerfer, Global Energy Excellence Manager beim Chemieunternehmen Covestro zu sprechen. Hallo Herr Doerfer. Schön, dass Sie da sind und vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns nehmen. Kommen wir zur Prozesstransformation in Ihrem Unternehmen. Für was und auf welchem Temperaturniveau benötigen Sie Prozesswärme?
Andreas Doerfer, Covestro: Wie Sie gerade schon erwähnt haben, Herr Buhr, Covestro ist ja ein Unternehmen der chemischen Industrie. Wir sind sehr energieintensiv und bei uns macht Wärme rund 50 % des gesamten Energiebedarfs aus. Diese Wärme nutzen wir auf verschiedenen Temperaturniveaus einerseits zum Beispiel zur Vorwärmung und Begleitbeheizung von unseren Medien und Prozessen. Da liegen wir dann in Temperaturbereichen von 50 bis 150 Grad. Dann nutzen wir Wärme auch für die thermische Stofftrennung und Aufkonzentrierung und Trocknungsprozessen. Da liegen wir dann bei 100 bis 250 Grad und für chemische Reaktionen benötigen wir dann auch Temperaturen bis zu 400 Grad.

Foto: Covestro
Clemens Buhr, DENEFF: Was hat Sie motiviert bzw. was motiviert Sie, Ihre Prozesswärme sauberer und energieeffizienter zu gestalten?
Andreas Doerfer, Covestro: Hier haben wir mehrere Faktoren, die uns ganz klar dazu bewegt haben. Das ist einerseits unsere Unternehmensvision, und zwar haben wir als Covestro vor, uns vollständig auf die Kreislaufwirtschaft auszurichten. Und wir wollen auch Vorreiter hier in unserer Branche sein, da wir uns als Enabler und auch Teil der Lösung zur Energiewende sehen. So sind viele unsere Produkte in nachhaltigen Anwendungen zu finden, wie zum Beispiel der E-Mobilität. Aber auch für Windkrafträder und auch die Gebäudedämmung. Und dementsprechend haben wir uns ambitionierte Nachhaltigkeitsziele gesetzt. Wir wollen bis 2030 rund 60 % unserer CO2-Emissionen, also Scope 1 und 2, reduzieren und haben vor, die operative CO2-Neutralität bis 2035 zu erreichen. Und um diese Ziele zu erreichen, müssen wir natürlich auch unsere Wärmeversorgung CO2-neutral stellen. Genau das ist der eine Faktor. Aber andererseits, wie bereits erwähnt, wir gehören zur energieintensiven Industrie. Das heißt, Energiekosten machen einen wesentlichen Teil unserer Produktionskosten aus. Und hier ist Energieeffizienz natürlich auch ein wichtiger Wettbewerbsfaktor für uns, die wir auch im internationalen Wettbewerb stehen. Und hier sieht man zum Beispiel auch, dass Energieeffizienz auch immer wichtiger wird. Denn zum Beispiel seit dem Krieg in der Ukraine sind unsere Energiekosten, auch wenn sie sich jetzt in gewisser Weise normalisiert haben, immer noch doppelt so hoch wie vor dem Krieg. Was Energieeffizienz natürlich noch wichtiger macht.
Clemens Buhr, DENEFF: Wie haben Sie vor, Ihre Prozesswärme zu dekarbonisieren und welche Technologien ziehen Sie dabei in Betracht?
Andreas Doerfer, Covestro: Wir verfolgen hier einen mehrstufigen Ansatz. Das bedeutet für uns ist ganz klar Energy efficiency first. Das heißt, als erster Schritt müssen wir unsere oder wollen wir auch unsere Energieeffizienz noch weiter steigern, insbesondere durch die Abwärmewiederverwendung. Und hier sagen wir die beste Kilowattstunde ist die, die wir erst gar nicht benötigen. Der zweite Schritt wird dann die Elektrifizierung sein mit Strom aus erneuerbaren Energien. Das bedeutet, hier setzen wir zum Beispiel auf Elektrodenkessel, aber auch auf Wärmespeicher in Kombination mit PPAs, also Power Purchase Agreements. Hier sind wir auch schon erste Schritte gegangen. Zum Beispiel planen wir eine strombetriebene Wärmebatterie zusammen mit Rondo Energy und diese wollen wir Ende 2026 an unserem Standort in Brunsbüttel in Betrieb nehmen. Wir setzen zum Beispiel auch auf Elektrodenkessel, die wir zusammen mit unserem Energieversorger und weiteren Chempark-Partnern an unserem Standort in Uerdingen planen und die nächstes Jahr in Betrieb gehen sollen. Und die dritte Stufe ist dann, dass man auf Biomasse setzt und perspektivisch auch auf Wasserstoff sowie Carbon Capture und Utilization und auch Storage. Und ich denke, was hier ganz wichtig ist, wenn man auf die Dekarbonisierung der Prozesswärme schaut, dass wir eben eine Kombination aus mehreren Lösungen anstreben und ist nicht eben diese eine Lösung gibt für die Dekarbonisierung der Prozesswärme.

Foto: Covestro
Clemens Buhr, DENEFF: Jetzt haben Sie bereits schon Energieeffizienz und auch Abwärmenutzung ins Spiel gebracht. Welche Rolle spielen denn diese beiden Faktoren in Ihrem Transformationsplan?
Andreas Doerfer, Covestro: Energieeffizienz ist sicherlich eine der zentralen Säulen, also Energieeffizienz und die Abwärmenutzung. Und hier haben wir auch schon viel erreicht. Seit 2012 betreiben wir schon ein Energiemanagementsystem bei Covestro und haben unseren spezifischen Energiebedarf seit 2005 bereits um über 40 % reduziert. Und ja gut, damit sind natürlich die Low Hanging Fruits im Bereich Energieeffizienz auch geerntet, zumindest zum größten Teil. Wir sehen aber auch weiterhin Potenziale, vor allem im Bereich der Abwärmenutzung und haben uns daher auch ein neues Energieeffizienzziel gesetzt, das wir bis 2030 im Vergleich zum Jahr 2020 unseren spezifischen Energiebedarf pro Tonne Produkt um 20 % verbessern wollen. Und genau dies hat natürlich auch einen signifikanten Einfluss auf unsere CO2-Neutralität.
Clemens Buhr, DENEFF: Wie gehen Sie zur Verbesserung Ihrer Energieeffizienz vor?
Andreas Doerfer, Covestro: Um dieses weitere neue Energieeffizienzziel von weiteren 20 % spezifischen Reduktionen unseres Energiebedarfs zu erreichen, haben wir uns ein Energieeffizienz-Projektportfolio überlegt, welches die kontinuierliche Verbesserung sicherstellt. Und ja, manche Projekte hieraus haben wir auch schon umgesetzt, zum Beispiel die Abwärmenutzung in unserer TDI-Anlage in Dormagen. Hier haben wir einen neuen Reaktor installiert, der uns eben ermöglicht, die Reaktionsabwärme zur Dampferzeugung zu nutzen. Hier haben wir einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag in Energieeffizienz investiert. Und genau das sind zum Beispiel Maßnahmen, die wir langfristig auch in unserem Projektportfolio planen. Und dieses Projektportfolio, das füllen wir weiter auf, indem wir neue Potenziale identifizieren, zum Beispiel durch die systematische Analyse unserer Standorte auf Wärmeintegrationspotenziale. Genau da schauen wir eben, dass wir wirklich konsequent Wärmeintegration innerhalb unserer Prozesse umsetzen, aber auch auf Anlagen und standortebene Wärmeintegrationspotenziale identifizieren und umsetzen.
Clemens Buhr, DENEFF: Jetzt haben Sie schon eine Menge vor und ich habe auch verstanden, dass Sie auch schon eine Menge gemacht haben. Welche Barrieren haben Sie dabei im Laufe dieser Transformation auch festgestellt?
Andreas Doerfer, Covestro: Ich denke, eine der größten Barrieren sind natürlich die hohen Investitionskosten für neue Technologien bei gleichzeitig sehr unsicheren Rahmenbedingungen. Das bedeutet sowohl politisch als auch technologisch oder zum Beispiel aufgrund fehlender Infrastruktur. Zudem sehen wir, dass die Verfügbarkeit erneuerbarer Energien in ausreichender Menge und vor allem zu wettbewerbsfähigen Preisen noch nicht gegeben ist. Und da wir eben im internationalen Wettbewerb stehen, sind wir eben auf wettbewerbsfähige Preise angewiesen. Zudem gibt es auch noch technische Herausforderungen, wie zum Beispiel die Integration dieser neuen Technologien in unsere bestehenden Anlagen. Das bedeutet von Platz über die Infrastruktur, das heißt Leitungen. Genau das da sind eben noch Barrieren. Die es noch zu überwinden gilt.
Clemens Buhr, DENEFF: Jetzt haben Sie mir das Stichwort direkt in die in den Mund gelegt. Wie können wir diese Barrieren überwinden? Was braucht es aus Ihrer Sicht dafür?
Andreas Doerfer, Covestro: Ich denke, wichtig ist vor allem, dass wir verlässliche und langfristige politische Rahmenbedingungen haben, um eben für uns auch die Investitionssicherheit zu schaffen, die wir benötigen, um das Geld auch in die Hand zu nehmen. Wir benötigen Technologieoffenheit. Das heißt, es wird nicht die eine Technologie als Lösung geben, um unsere Prozesswärme CO2-neutral zu stellen, sondern man muss wirklich möglichst breit und offen an die verschiedenen Technologien herangehen. Und genau nur so denke ich, können wir die Transformation auch wirklich wirtschaftlich schaffen. Und um das Ganze zu ermöglichen, brauchen wir natürlich dementsprechend einen schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien und die entsprechende Infrastruktur.
Clemens Buhr, DENEFF: Wenn jetzt ein Unternehmen auf Sie zukommen würde und ganz am Anfang Ihrer Prozesswärme Transformation stehen würde, was würden Sie diesem Unternehmen empfehlen?
Andreas Doerfer, Covestro: Ich denke, das Wichtigste ist am Anfang wirklich, dass man sich eine Übersicht verschafft über den eigenen Energiebedarf sowie die Technologien, die es am Markt gibt, und den politischen Rahmenbedingungen. Und auf Basis dessen dann eine Roadmap erarbeitet und hier kaskadenförmig die einzelnen Technologien durchgeht. Also bei uns ist das ja zum Beispiel Energy Efficiency First. Und ich meine, wenn ein Unternehmen jetzt gerade ganz am Anfang der Transformation steht, gibt es vielleicht noch Low Hanging Fruits, das heißt Maßnahmen, die schnell amortisiert sind und auch eine hohe Wirkung haben. Das wäre dann natürlich ein sehr guter Startpunkt, mit diesen Maßnahmen zu beginnen. Und ja, generell kann ich den Tipp geben: Es ist besser, sich zu bewegen, als aufgrund von Perfektion abzuwarten und nichts zu tun.

Foto: Covestro
Clemens Buhr, DENEFF: Kommen wir jetzt zu unserer letzten Frage. Sie haben bereits schon einige Punkte genannt, die die Politik umsetzen sollte. Gibt es weitere Aspekte oder Punkte, die Sie der Politik gerne auf den Weg mitgeben würden?
Andreas Doerfer, Covestro: Ich denke, einige Punkte habe ich bereits erwähnt. Also wichtig wäre wirklich, dass wir verlässliche und langfristige Rahmenbedingungen haben und auch entsprechend technologieoffen an die Wärmewende oder die Energiewende, aber insbesondere auch die Wärmewende herangehen und keine Technologien durch Restriktionen von Anfang an ausschließen. Zudem ist ein wichtiger Punkt für uns die, dass man die Bürokratie reduziert. Das heißt vor allem im Bereich Energieeffizienz haben wir in den letzten Monaten und Jahren wirklich neue Gesetze, neue Auflagen, neue Berichtspflichten bekommen, die Ressourcen binden. Die, die sich vorher zum Beispiel mit der Identifizierung von neuen Einsparpotenziale beschäftigt haben. Das heißt, da sollten wir wirklich mit Augenmaß überlegen, welchen Mehrwert welche neuen Auflagen und Gesetze bringen und welche Ressourcen dadurch in der Industrie gebunden werden. Da ich vor allem aus dem Bereich Energieeffizienz komme, sind für mich zum Beispiel auch höhere reale Fördersätze für Energieeffizienz Projekte wichtig. Das bedeutet, wir sehen in der EEW, dass wir hohe Förderquoten für Energieeffizienzprojekte haben, aber in Realität, wenn man sich dann anschaut, dass das viele Kosten, wie zum Beispiel die internen Planungskosten, also Engineering-Kosten, nicht förderfähig sind, erreichen wir diese vorgegebenen theoretischen maximalen Fördersätze nicht. Und da die Low Hanging Fruits weg sind und wir vor allem für technisch und wirtschaftlich herausfordernde Energieeffizienzprojekte auch auf Förderung angewiesen sind, wären das zum Beispiel auch mal ein konkreteres Beispiel, was uns wirklich helfen würde, um auch die Energieeffizienz in der Industrie weiter voranzubringen. Als letzter Punkt ganz klar: Wir müssen die Erneuerbaren weiter ausbauen. Wir müssen die Infrastruktur schaffen, die Stromnetze, das Wasserstoffnetz, CO2-Transport, damit wir eben auch wettbewerbsfähige Preise für erneuerbare Energien haben und die Transformation gemeinsam schaffen.
Clemens Buhr, DENEFF: Vielen Dank für das Interview. Spannend zu hören, wie Sie Ihre Produktion umkrempeln. Das ist genau die Innovationskraft und der Willen, den wir in Deutschland brauchen. Mit diesen Worten verabschiede ich mich von Ihnen und wünsche Ihnen noch eine erfolgreiche Woche.
Andreas Doerfer, Covestro: Vielen Dank! Vielen Dank für das Interview, auch für die Einladung. Herr Buhr.
Clemens Buhr, DENEFF: Sehr gerne.

Gast: Andreas Doerfer
Global Energy Excellence Manager beim Chemieunternehmen Covestro