8. Januar 2026

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Industrie

Energieeffizienz war der Schlüssel, um überhaupt die Krise überleben zu können.

Dieses Interview präsentiert Prozesswärme-Frontrunner Dr. Andreas Gahl, den Geschäftsführer der Mendener Präzisionsrohr GmbH. 

Prozesswärmetransformation in der MPG Tubes: Interview mit Dr. Andreas Gahl

Clemens Buhr, DENEFF: Wie der Weg hin zu einer energieeffizienten, sauberen und standortsicheren Prozesswärmeversorgung im Unternehmen konkret aussehen kann, schauen wir uns heute an. Ich freue mich, mit Dr. Andreas Gahl, Geschäftsführenden der Mendener Präzisionsrohr GmbH, zu sprechen. Andreas, schön, dass du da bist und vielen Dank, dass du dir die Zeit für uns nimmst. Ganz kurz zur Einführung, damit wir ein besseres Verständnis davon bekommen, wofür ihr Prozesswärme braucht: Für was und auf welchem Temperaturniveau benötigt ihr Prozesswärme in eurer Produktion?

Dr. Andreas Gahl, MPG Tubes: Also bei uns beginnt der Produktionsprozess mit dem Schmelzen der Legierung, was wir schon derzeit elektrifiziert haben. Das heißt, wir schmelzen die Legierung. Dann wird ein erstes nahtloses Rohr gepresst. Auch dafür müssen wir das Vormaterial erhitzen, auf Temperaturen von 700 bis 800 Grad. Die nachfolgenden Produktionsschritte sind Verfahren der Kaltumformung wie Walzen und Ziehen, bei denen das Rohr nicht mehr erwärmt werden muss. Jedoch zwischen den Prozessen müssen wir die Rohre immer wieder zwischenglühen. Das erfolgt derzeit mit Gas und auf einem Temperaturniveau von etwa 600 bis 700 Grad. Zwischendurch werden die Rohre noch entfettet. Die Entfettungsbecken müssen auf etwa 60 Grad Temperatur gehalten werden. Das ist Niedertemperaturprozesswärme.

Foto: OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Clemens Buhr, DENEFF: Was hat euch motiviert, eure Prozesswärme sauberer und energieeffizienter zu gestalten?

Dr. Andreas Gahl, MPG Tubes: Für mich persönlich ist das Klimathema ein extrem wichtiges Menschheitsthema, das mich seit 30 Jahren antreibt. Das heißt, für mich war die Bedingung auch für unseren Betrieb: Wie können wir treibhausgasneutral werden? Und zwar jetzt mal losgelöst von allen ökonomischen Vorteilen. Das heißt, ich wollte wissen, wie man THG-neutral produzieren kann. Und daraufhin haben wir alle Prozesse untersucht und haben uns für alle Prozesse, die heute noch nicht neutral sind, Lösungen überlegt. Heißt im Prinzip, wir werden alles elektrifizieren, um komplett vom Erdgas wegzukommen, um dann irgendwann mal nur noch grünen Strom einzusetzen.

Clemens Buhr, DENEFF: Da nimmst du jetzt meine nächste Frage schon vorweg. Ich wollte dich fragen, wie ihr eure Prozesswärme dekarbonisiert habt und auf welche Technologien ihr jetzt konkret setzt. Magst du das noch ein bisschen ausführen?

Dr. Andreas Gahl, MPG Tubes: Also die Umstellung, die Elektrifizierung aller Erdgasanwendungen ist bei uns jetzt der dritte Schritt. Nachdem wir vorher die Energieeffizienz um circa 30?Prozent verbessert haben und auch Eigenerzeugungspotenziale mit PV aufgebaut haben, ist jetzt der Schritt: Elektrifizierung aller Anwendungen und zusätzlich Flexibilisierung unseres Strombedarfs. Und das ist tatsächlich das größte Investment. Zu sagen, wir stellen jetzt alles um auf Strom, was manchmal nicht ganz einfach ist und was unter den heutigen Rahmenbedingungen auch so oft noch unwirtschaftlich ist. Das heißt einfach: Es führt zu zusätzlichen Kosten, sodass wir es derzeit nicht stemmen können. Aber wir haben immerhin für alles schon mal eine technische Lösung. Und wir versuchen auch an die Politik zu adressieren, wo Rahmenbedingungen geändert werden müssen, damit eine solche Elektrifizierung wirtschaftlich überhaupt darstellbar wird.

Clemens Buhr, DENEFF: Da waren schon ganz viele Punkte drin, wo ich ganz gerne nachhaken möchte. Zum einen, welche Energieeffizienzmaßnahmen ihr durchgeführt habt bei euch im Unternehmen.

Dr. Andreas Gahl, MPG Tubes: Also es gibt natürlich die direkten Energieeffizienzmaßnahmen, indem wir sämtliche Hydraulikpumpen, sämtliche Kühlsysteme optimiert haben. Wir haben teilweise mehrere Hydrauliksysteme zu einem zusammengeführt, um aufgrund der Gleichzeitigkeit deutlich geringere Leistungen fahren zu können. Wir haben Prozesse optimiert. Wir haben Temperaturen auch in der Prozesswärme teilweise abgesenkt – manchmal nur um 40 bis 50 Grad, was aber auch überraschend viel Energie einspart. Und für uns ist ein ganz großer Hebel, die Effizienz unserer Produktion an sich zu verbessern – das heißt noch geringere Ausschussquoten. Da haben wir jetzt ein KI-Projekt gestartet, in dem wir alle Prozessparameter im Prozess aufnehmen, um zu identifizieren, wie wir die geringsten Ausschussquoten erreichen. Allein, wenn wir 2 Prozent weniger Ausschuss haben, hieße das, dass wir im Jahr etwa 100 Tonnen weniger schmelzen müssten, was ein enorm großes Energiesparpotenzial bedeutet.

Foto: MPG

Clemens Buhr, DENEFF: Das sind tatsächlich ganz andere Größenordnungen. Spielt auch Abwärmenutzung in eurem Konzept eine Rolle?

Dr. Andreas Gahl, MPG Tubes: Ja, eine sehr große. Ich hatte eben angesprochen, dass wir unsere Kühlkreisläufe optimiert haben. Das ist teilweise so, dass wir die Kühlkreisläufe zusammengefasst haben, um möglichst nur noch wenige Punkte im Werk zu haben, an denen diese Abwärme dann zur Verfügung steht zur Nutzung. Parallel dazu haben wir in den letzten 20 Jahren auf dem gesamten Werksgelände ein zentrales Warmwassernetz aufgebaut, was dazu dienen soll, dass man an allen Punkten des Netzes Abwärme einspeisen kann. Und dann ist es jetzt eben die Frage oder das nächste Thema, dass wir schrittweise Wärmepumpen einsetzen, um das Abwärmetemperaturlevel von etwa 30 bis 40 Grad auf ein nutzbares Level von 70 Grad anzuheben. Das werden wir in den nächsten Jahren realisieren – hoffen dann sogar auch, dass wir größtenteils auf das Kühlen mit Kühltürmen verzichten können, weil einfach vorher die Wärmepumpen die Abwärme so nutzen, dass man keine weiteren Kühlprozess mehr braucht.

Clemens Buhr, DENEFF: Spannend. Also wie ich das jetzt raushöre, habt ihr euch ganz am Anfang vor allen Dingen um die Energieeffizienz Gedanken gemacht und habt da sehr viel optimiert. Und steht jetzt im Endeffekt vor der Direktelektrifizierung eurer Prozesse, um weg vom fossilen Gas zu kommen. Zu diesem Prozess hätte ich auch noch eine Frage, nämlich wie ihr als Unternehmen da überhaupt in den ersten Schritten rangegangen seid. Wie habt ihr euch einen Überblick verschafft über die Situation und über eure Möglichkeiten?

Dr. Andreas Gahl, MPG Tubes: Wir haben schon immer sehr frühzeitig eben sämtliche Maßnahmen erstmal untersucht oder Typen von Maßnahmen wie zum Beispiel Hydraulik, Systeme wie Kühlsysteme. Die haben wir dann im ganzen Werk analysiert und schrittweise umgesetzt. Natürlich haben wir auch priorisiert, das heißt, wir haben die Maßnahmen als erstes realisiert, die den kürzesten Return on Investment haben, um – für uns ein anderes Verständnis – um möglichst frühzeitig wieder Geld frei zu kriegen, um das nächste zu investieren. Also das haben wir schon priorisiert und da waren natürlich die Energieeffizienzmaßnahmen ganz weit vorne. Das, was jetzt ansteht bei der Elektrifizierung, da ist es tatsächlich so, dass es manchmal kaum noch ein Return on Investment gibt innerhalb der Nutzungsdauer der Anlagen. Und das sind dann die Dinge, wenn es plus minus null ist, würden wir die auch realisieren. Aber wenn es dann keinen Return on Investment unter heutigen Bedingungen gibt, dann sind das die Maßnahmen, die wir jetzt zunächst mal verschieben, in der Hoffnung, dass eben die künftigen Rahmenbedingungen so sind, dass irgendwann mal der Strom mindestens für diese Elektrifizierungsmaßnahmen günstiger wird und damit auch wirtschaftlich darstellbar ist.

Clemens Buhr, DENEFF: Dann höre ich das richtig raus, dass vor allen Dingen der Strompreis dafür sorgt, dass der Return on Invest nicht gegeben ist.

Dr. Andreas Gahl, MPG Tubes: Ich will ein Beispiel bringen. Der Ofen, der heute die Rohre rekristallisierend glüht, läuft auf Erdgasbasis. Das heißt, den kann man relativ leicht - zumindest ist das unser Stand heute – umrüsten auf Strom. Nur wir verbrauchen dann so viel Strom, wie wir heute Erdgas verbrauchen. Und bei dem heutigen Preisverhältnis von 3:1 wird man diese Maßnahme nie amortisieren können. Im Gegenteil: Es ist mit so viel Mehrkosten verbunden, dass wir, die wir in einem international wirklich harten Wettbewerb stehen, das dann nicht mehr stemmen können. Also da sind wir wirklich angewiesen darauf, dass sich die Rahmenbedingungen so ändern, dass eine solche Maßnahme, ich sage mal, zumindest nicht zu Mehrkosten führt, sondern im bisherigen Kostenrahmen bleibt.

Clemens Buhr, DENEFF: Du erwähnst jetzt immer wieder Strom. Ist für euch Wasserstoff auch eine Lösung? Warum habt ihr euch für den Strom entschieden?

Dr. Andreas Gahl, MPG Tubes: Natürlich könnte man die Öfen auch auf Wasserstoff umstellen. Aber bei uns gibt es einfach zwei grundsätzliche Überlegungen, die dagegensprechen. Wenn wir die Heizung der zwei großen Erdgasverbraucher elektrifizieren, blieben die Durchlauföfen als einzige Wasserstoffverbraucher übrig. Das würde bedeuten, dass wir nur noch einen Bruchteil (ca. 25 Prozent) unseres heutigen Erdgasverbrauches in Form von Wasserstoff benötigen würden. Für diese geringen Bedarfe wird u.E. die Gasleitung nicht in eine Wasserstoffleitung umgewidmet und weiter betrieben, es sei denn zu horrenden Kosten. Das ist der Punkt eins. Und der Punkt zwei ist einfach der, dass wir sagen, Wasserstoff wird es in den nächsten 10 bis 15 Jahren so knapp geben, dass es keinen Sinn macht, dass man ihn da einsetzt, wo die Elektrifizierung möglich ist. Das heißt, wir versuchen damit auch wirklich, Mengen nicht vom Markt wegzunehmen, die eigentlich anderweitig alternativlos sind. Und das ist unsere Haltung, dass wir sagen, Wasserstoff soll in den nächsten 15 Jahren nur da eingesetzt werden, wo es keine Alternative gibt. Überall, wo die Elektrifizierung eine Alternative ist, sollte diese umgesetzt werden.

Clemens Buhr, DENEFF: Jetzt diskutieren sehr viele auch über den blauen Wasserstoff im Gegensatz zum grünen Wasserstoff. Was ist denn deine Haltung dazu, wenn du diese Diskussion hörst?

Dr. Andreas Gahl, MPG Tubes: Das Problem ist ja immer: Henne oder Ei. Die einen sagen: „Es gibt keinen Wasserstoff.“ Die anderen sagen: „Wir müssten nicht – solange wir den Wasserstoff nicht haben.“ Ich meine, dass man durchaus sehr pragmatisch auch mit blauem Wasserstoff anfangen kann. Ziel muss es immer sein, den grünen Wasserstoff einzusetzen. Aber auch wenn noch kein grüner Wasserstoff in ausreichender Menge vorhanden ist, sollten trotzdem Prozesse auf Wasserstoff schon heute erfolgen, wenn entsprechende Investitionen anstehen. Wenn dann der grüne Wasserstoff zur Verfügung steht, sind diese Prozesse von heute auf morgen klimaneutral.

Clemens Buhr, DENEFF: Wir haben jetzt schon ein paar Barrieren angerissen, vor allen Dingen den Strompreis und auch, dass Wasserstoff nicht verfügbar ist. Welche anderen Barrieren habt ihr im Laufe eurer Transformation festgestellt?

Dr. Andreas Gahl, MPG Tubes: Für uns Mittelständler ist die Finanzierung ein großes Thema. Transformation bedeutet, dass man variable Betriebskosten für Energien ersetzt durch Investitionen in energiesparende Technologien, das heißt durch Fixkosten. Wir finanzieren das in der Regel über Kredite oder Leasingverträge. Zinsen und Tilgungen oder auch Leasingraten bedeuten Fixkosten und die sind kontraproduktiv für die Verbesserung der Resilienz eines Unternehmens. Resilienz heißt, anpassungsfähig an krisenbedingte Auftragsrückgänge zu sein.

Dafür muss man auch anpassungsfähige Kostenstrukturen haben. Und das ist das ganz große Problem, dass Transformation genau das Gegenteil bewirkt. Man wird unflexibler. Man wird immer abhängiger von hohen Auslastungsgraden, die es aber so vom Markt her manchmal gar nicht mehr gibt. Und das kann so Mittelständler durchaus in die Bredouille bringen. Und deswegen werben wir in der Politik sehr stark dafür, Finanzierungsinstrumente zur Verfügung zu stellen, die entsprechende Anpassungsmöglichkeiten haben. Beispielsweise, indem man geförderte Darlehen zur Verfügung stellt, die mit dem Instrument der Tilgungsaussetzung versehen sind. Das heißt, wenn es dann mal ein Jahr mit schlechter Auftragslage gibt, sollte man dann die Möglichkeit haben, Tilgungsleistungen befristet auszusetzen.

Clemens Buhr, DENEFF: Ganz klar. Das würde dann auch die Sicherheit reinbringen in den Mittelstand. Wenn es mal nicht gut läuft, dann bricht es mir nicht das Genick, sondern ich kann dann halt auch einfach mal die Zinsen aussetzen und dann geht es nächstes Jahr weiter. Den Punkt kann ich nachvollziehen. Habt ihr bei euch im Unternehmen noch Barrieren festgestellt, die über die reine systemische Brille hinausgehen?

Dr. Andreas Gahl, MPG Tubes: Es ist natürlich immer ein Thema, wie viele Mitarbeiter man miteinbindet, wie man Ideen generiert. Wir haben das Glück, dass wir zwei, drei Personen im Unternehmen haben, die das Thema sehr agil vorantreiben und die wirklich einfach auch fachlich extrem gut sind zusammen. Oder dann in dieser mittelständischen Struktur, die wir haben, wo wir sehr schnell entscheiden können, wo wir keine jährlichen Budgets brauchen. In dem Sinne kann man natürlich sehr, sehr viel realisieren. Das ist in vielen anderen Unternehmen, glaube ich, oft das Thema, den Fokus darauf zu haben, die Fachkompetenz der Leute zu haben und auch das Management, was dann an der Umsetzung interessiert ist. Diese drei Punkte, die kommen bei uns sehr, sehr gut zusammen. Das ist ein sehr gutes Fit, aber das fehlt in vielen Unternehmen schon, sodass man da sagen muss, das macht manchmal den ganz großen Unterschied. Insbesondere die Ausrichtung des Managements.

Die Politik geht immer davon aus: „Der Unternehmer macht alles, was wirtschaftlich ist.“ Dem ist aber nicht so! Warum? Weil wir im Management in aller Regel knappe Ressourcen haben. Das heißt, es ist immer eine Frage, wie wir unsere Ressourcen finanziell, aber auch rein von der Fachkompetenz, von der Arbeitszeit her einsetzen. Und da treffen andere Unternehmer oft eben andere Entscheidungen, sagen: „Energieeffizienz, Transformationsprozess ist für mich nicht so ein wichtiges Thema. Ich konzentriere mich lieber auf neue Produkte, neue Märkte.“ Und schon ist es so, dass die Entwicklung eines Unternehmens komplett anders verlaufen kann. Obwohl ich glaube, dass es immense Energieeffizienzpotenziale in den Unternehmen noch gibt, die einfach nicht gehoben werden, weil dieser Fokus in vielen Unternehmen nicht an der Stelle steht.

Clemens Buhr, DENEFF: Das kommt dann auch einem Marktversagen gleich, dass da die wirtschaftlichen Potenziale von Energieeffizienzmaßnahmen nicht gehoben werden. Hast du eine Herangehensweise, gibt es da etwas, was du anderen Unternehmen empfehlen würdest?

Dr. Andreas Gahl, MPG Tubes: Sagen wir so: Das ist immer die Frage mit dieser Freiwilligkeit. Natürlich, die Wirtschaft will immer zu nichts gezwungen werden, was man auch versteht. Das funktioniert so lange, solange die Wirtschaft sich dann aber auch dem gesellschaftlichen Ziel „Wir müssen klimaneutral werden“ unterordnet. Da das aber nicht der Fall ist und ganz viele Unternehmen aus dieser Zielrichtung ausbrechen, wenn sie es nicht müssen, halte ich durchaus das eine oder andere Instrument, was eingesetzt wird, für sinnvoll.

Zum Beispiel die Einführung des ISO 50001 Management Systems. Damit zwingt man die Unternehmen wirklich hinzugucken, wo Energie verbraucht wird. Oder auch die Bedingung des Nachweis der ökologischen Gegenleistung ist politisch nachvollziehbar. Leider ist die Ausgestaltung m.E. unpraktikabel und aufwändig.

Wenn der Staat Steuern zurückerstattet, dass eine gewisse Gegenleistung nachgewiesen werden muss, ist durchaus nachvollziehbar. Ich fände es besser, wenn man darauf verzichten könnte, weil das wirklich einen Aufwand darstellt, der für Betriebe wie wir, die wir es ohnehin machen, einfach zusätzlich obendrauf kommt. Aber auf der anderen Seite sehe ich auch – und ich kenne zu viele andere Unternehmen, nicht unbedingt die Mehrheit, aber sehr, sehr viele Unternehmen – wo einfach dann diese Maßnahmen nicht umgesetzt werden, weil es überhaupt kein Druckmittel gibt und einfach das Problembewusstsein für die ganze Thematik viel zu gering ausgeprägt ist.

Clemens Buhr, DENEFF: Jetzt haben wir schon das Management thematisiert. Wie sieht denn das die Belegschaft? Gibt es da positives, negatives Feedback? Wie geht die Belegschaft gerade auch mit dieser Transformation um?

Dr. Andreas Gahl, MPG Tubes: Das Interesse am Transformationsprozess ist in der Regel relativ gering, das muss man schon sagen – also über alle Mitarbeiter. In der Vergangenheit war das bei uns immer so, dass es als das Hobby des Chefs galt. Die Mitarbeiter haben dann verstanden, als die Ukrainekrise kam und die Energiepreise für uns explodiert sind, dass wir das ohne diese Effizienzstrategie nur schwer überlebt hätten. Das heißt, im Nachhinein haben sie den Sinn auch erkannt und sehen das dann durchaus als eine weitsichtige Geschäftspolitik.

Wir machen halbjährlich eine Betriebsversammlung, wo ich das Thema immer wieder thematisiere und das Interesse ist unterschiedlich. Vielleicht leicht ansteigend. Und je mehr man jetzt auch anhand der Wetterphänomene sieht, dass es vielleicht doch auch was auf sich hat mit dem Klimawandel. Und – muss ich auch sagen – wir haben eine Reihe von Preisen für unser Engagement gewonnen. Auch das macht die Mitarbeiter teilweise stolz, dass sie so langsam merken, an dem Thema ist vielleicht ein bisschen mehr dran, als dass es völlig egal ist.

Clemens Buhr, DENEFF: Das sind tolle Signale. Wenn ein Unternehmen seine Prozesse transformieren möchte und jetzt bei dir anrufen und sagen würde: „Mensch, was sind denn die drei Punkte, die du mir empfehlen würdest? Ich stehe ganz am Anfang. Was kannst du mir sagen?“ Was würdest du ihm antworten?

Dr. Andreas Gahl, MPG Tubes: Also ich erlebe immer wieder viele Unternehmen, vor allem Großkonzerne, die erstmal unglaublich aufwendig einen Managementprozess aufbauen, in dem Dokumentation vorne steht, in dem die Ist-Analyse ganz vorne steht. Die Jahre – ich übertreibe jetzt mal – die Jahre brauchen bevor sie überhaupt mit der ersten Maßnahme anfangen. Wir machen das anders. Für mich war das Klima immer schon ein Thema gewesen – seit 20 Jahren. Energieeffizienz ist auch immer ein Thema gewesen. Und bei uns sind die Prozesse so installiert: Wenn ein Mitarbeiter, egal welcher Mitarbeiter, eine Energieeffizienzmaßnahme vorschlägt, auch wenn sie eine Amortisationszeit von 5, 6, 7 Jahren hat und egal wie groß sie ist, dann weiß dieser Mitarbeiter, sie wird realisiert – ohne dass es vorher ein Riesenbudget dafür geben muss, ohne dass formale Beantragungsprozesse stattfinden und ohne dass vorher auch diese Maßnahme in einem Managementsystem dokumentiert sein muss.

Also bei uns ist ganz klar: Aktion und Realisierung von Maßnahmen steht ganz weit vorne – vor der Dokumentation. Wir haben  inzwischen auch einen Nachhaltigkeitsbericht, der beschreibt, was wir in Sachen Klimaschutz gemacht haben und was wir planen. Er soll Interessenten offenlegen, wie wir Klimaschutz betreiben. Der Aufwand für diesen Bericht war überschaubar, da wir die Zahlen bereits im Rahmen unserer Analysen verfügbar hatten.

Clemens Buhr, DENEFF: Also nicht nur über Maßnahmen nachdenken, sondern wirklich ins Handeln kommen. Das ist doch mal ein wunderbares Fazit unseres Interviews. Vielen Dank dir, Andreas, für die vielen Antworten, die du uns gegeben hast. Das ist genau die Innovationskraft und der Willen, die/den wir in Deutschland brauchen. Mit diesen Worten verabschieden wir uns von dir und wünschen dir noch eine sehr erfolgreiche Woche und natürlich sehr viel Erfolg auf deinem/eurem Weg der Transformation.

Dr. Andreas Gahl, MPG Tubes: Vielen Dank für das Interview.

Dr. Andreas Gahl steht in der Gießerei des Unternehmens; Prozesswärme Frontrunner Interviews

Gast: Dr. Andreas Gahl
Geschäftsführer der Mendener Präzisionsrohr GmbH